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Warum ich die günstigste E-Auto-Ladekarte Österreichs nicht empfohlen habe

In meinem letzten YouTube-Video habe ich ein Update zu Ladekarten in Österreich gegeben – ausgehend von meinem Nutzungsszenario: Ich lade rund 90 % zu Hause und brauche öffentliche Ladestationen fast ausschließlich auf der Langstrecke. Entsprechend fokussiere ich mich bei Empfehlungen auf DC-Schnellladen. In den Kommentaren wurde ich dann mehrfach auf eine vermeintlich deutlich günstigere Option hingewiesen: den Zeittarif der Wien Energie.
Warum ich die günstigste E-Auto-Ladekarte Österreichs nicht empfohlen habe – und für wen er trotzdem sinnvoll sein kann – darum geht es in diesem Beitrag.

YouTube player

Ladekarten: Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“

Beim Thema Ladekarten wird oft übersehen, dass es nicht den einen optimalen Tarif gibt.
Es gibt Millionen Kombinationen aus:

  • Fahrzeugtyp
  • Ladeleistung
  • Fahrprofil
  • Möglichkeit zu Hause zu laden (oder nicht)

Ich sage in meinen Videos daher immer offen dazu, welches Setting ich habe, damit ihr selbst beurteilen könnt, ob meine Empfehlungen auf euch übertragbar sind.

  • Mein Szenario:
    • überwiegend Heimladen
    • öffentliches Laden fast nur auf Langstrecke
    • Fokus auf DC-Schnelllader
  • Anderes Szenario:
    • keine Wallbox
    • regelmäßiges AC-Laden im Wohnumfeld
      → völlig andere Karten sinnvoll

Der Wien-Energie-Zeittarif: Was steckt dahinter?

In der YouTube-Kommentarspalte zum letzten Video hat sich beinahe eine kleine Fangemeinde rund um den Zeittarif von Wien Energie gebildet. Tatsächlich ist das einer der letzten reinen Zeittarife in Österreich, und zwar nicht nur in Wien selbst, sondern auch an vielen Partner-DC-Ladern (z.B. Smatrics).

Die Wien-Energie-Tarife im Überblick

Kilowattstunden-Tarif (klassisch):

  • ca. 0,38 €/kWh an Wien-Energie-Säulen
  • 0,58 €/kWh an Partner-DC-Ladern
    → für Langstrecke nicht konkurrenzfähig

Zeittarif:

  • 0,39 €/Minute an Wien-Energie-DC-Ladern
  • 0,70 €/Minute an Partner-DC-Ladern (für die meisten relevant)

Auf den ersten Blick wirkt 70 ct/Minute teuer – kann aber extrem günstig sein, wenn das Auto schnell genug lädt.


Der Knackpunkt: durchschnittliche Ladeleistung

Damit der Zeittarif günstiger ist als gute kWh-Tarife, braucht es im Schnitt rund:

≈ 120 kW durchschnittliche Ladeleistung

Und hier beginnt das Problem.

Nicht:

  • Peak-Leistung
  • Prospektwert
  • „mein Auto kann 170 kW“

sondern der reale Durchschnitt über den gesamten Ladevorgang entscheidet.


Wie viele Autos schaffen das wirklich?

Dazu gibt es keine frei verfügbaren offiziellen Statistiken.
Also habe ich selbst gerechnet – transparent, nachvollziehbar und bewusst konservativ.

Datengrundlage

  • Zulassungsstatistik Österreich 2024 (Top-40-Modelle)
  • Durchschnittliche Ladeleistungen aus:
    • ADAC-Messungen
    • Bjørn Nyland / Charging Index
  • Gewichtung nach Stückzahlen

Beispiele (Durchschnittswerte):

  • Tesla Model Y: ~123 kW
  • BMW X1: ~106 kW
  • Volvo EX30: ~110 kW
  • Hyundai Kona: ~85 kW
  • Dacia Spring: ~65 kW
  • BMW i5: ~155 kW ✅ (aber kaum privat verbreitet)
  • Tesla Model 3 (neu): ~135 kW

Das Ergebnis (ernüchternd, aber klar)

  • Gesamtbestand E-Autos 2024: ~200.600 Fahrzeuge
  • Gewichteter Durchschnitt (Top-40): ~104 kW
  • Realistisch im Alltag (Winter, kalte Batterie, kurze Stopps):
    ≈ 95–100 kW

👉 Zu wenig für den Wien-Energie-Zeittarif.

Selbst der gesamte österreichische Fahrzeugbestand erreicht keine 120 kW Durchschnittsleistung. Für private Fahrzeuge (nicht Firmen- oder Premiumflotten) liegt der Wert tendenziell noch darunter.


Fazit: Für wen lohnt sich der Zeittarif wirklich?

Ja, der Wien-Energie-Zeittarif kann der günstigste DC-Tarif Österreichs sein – aber nur, wenn:

  • das Auto real ≥ 120 kW im Schnitt lädt
  • regelmäßig an DC-Schnellladern geladen wird
  • Vorkonditionierung konsequent genutzt wird
  • das Fahrzeug technisch eher neu ist

Für die Mehrheit privater E-Auto-Besitzer:innen gilt:

Nein, dieser Tarif rechnet sich nicht.

Und genau deshalb habe ich ihn bisher nicht empfohlen.


Trotzdem wichtig: Danke für den Hinweis

Die zahlreichen Kommentar-Hinweise waren berechtigt – und genau deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, das sauber durchzurechnen.

Wenn ihr ein modernes Fahrzeug mit hoher DC-Ladeleistung habt:
👉 Schaut euch den Zeittarif von Wien Energie an.

Mich interessiert jetzt eure Praxis:

  • Welches E-Auto habt ihr privat gekauft (nicht Firmenwagen)?
  • Welche durchschnittliche Ladeleistung seht ihr real?

Schreibt es gern in die Kommentare – dann wird aus der Theorie echte Datenbasis.

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